2014. Dadurch, dass ich gut in Physik war, konnte ich meinen Mitschülern manchmal bei den Hausaufgaben oder der Klausurvorbereitung helfen. Auf diese Weise freundete ich mich mit André aus meiner Klasse an. Manchmal gab ich ihm bei mir zu Hause Nachhilfe in Physik; anschließend schauten wir eine Folge Traumfrau gesucht. André war ein Kiffer. Zur Entspannung brachte er manchmal Gras mit. So bekam ich die Gelegenheit, das Kiffen auszuprobieren. Obwohl mich das Zeug dazu brachte, über nahezu jede Minute der Folge zu kichern, entschied ich mich, es nie wieder zu rauchen, weil meine Augen davon höllisch brannten und rot wurden.
Während ich mich mit Schulphysik auskannte, war André ein Experte in der Verführung von Frauen. Er las Bücher, die vom Wesen des weiblichen Geschlechts handelten – das heißt, wie Frauen funktionierten, was sie wollten und wie man sie auf der Straße ansprach. Er war sozusagen gut in Psychologie. Wenn wir ein derartiges Schulfach hätten, dann wäre er sicherlich richtig gut darin. Seine Kenntnisse waren mir auf der Suche nach einer Freundin umso nützlicher. Er zeigte mir in der Stadt, wie einfach es war, beliebige Frauen anzusprechen.
»Bevor du eine Frau ansprichst, arbeite zuerst an deiner Körperhaltung, Alex«, sagte er zu mir, als wir uns am Kröpcke in Hannover zum Frauenansprechen verabredet hatten.
»Was meinst du?«
»Frauen merken unbewusst eine schlechte Körperhaltung direkt und finden das abturnend«, begründete er, »Mach deinen Rücken gerade, deine Schultern locker und schau nicht die ganze Zeit nach unten. Und mach verdammt nochmal deine Hände aus den Hosentaschen raus«, forderte er mich auf.
»So?«
»Ja, schon besser. Gewöhn' dir das an«
»Bevor wir Frauen ansprechen, üben wir zuerst den Passantinnen in die Augen schauen«, schlug er mir als Aufgabe vor.
»Meinst du, an Frauen vorbeigehen und sie dabei anstarren?«
»Ja, du baust Augenkontakt auf und hältst ihn solange, bis sie den Augenkontakt zuerst abbricht. Wenn sie dich anlächelt, lächle zurück«
»Ich bin schon mega aufgeregt. Aber okay, versuchen wir mal.«
Es funktionierte. Nach den ersten Versuchen wurde ich rot wie eine Tomate, aber mit jedem anderen Kontakt wurde ich immer selbstbewusster. Die Frauen merkten, dass ich sie anstarrte. Manche hielten länger den Augenkontakt, manche brachen ihn sofort ab, nachdem sie gemerkt hatten, dass ich sie anschaute. Einige schenkten mir ein süßes Lächeln. Diese Übung in Kombination mit einer richtigen Körperhaltung hatte mein Selbstbewusstsein in die Höhe schießen lassen.
»Jetzt bist du bereit, Frauen anzusprechen, die dich beim Augenkontakt anlächeln. Mit diesen Frauen wirst du die größte Chance haben«, erklärte er das weitere Vorgehen.
»Aber zuerst, lass dir mal von mir zeigen, dass die Situation, in der du die Frau ansprichst, gar keine Rolle spielt«, führte er fort und ging sofort auf eine Frau zu, die am Schaufenster eines Schuhladens stand und auf ihr Handy schaute. André sprach sie an. Nach einem kurzen Gespräch, das ich aus der Entfernung beobachtete, gab sie ihm wohl ihre Handynummer.
Dann kam er wieder zu mir.
»So einfach geht das. Was du sagst, ist völlig egal. Wichtig ist nur, selbstbewusst zu sein«, erklärte er.
»Das klingt leichter gesagt als getan…«
»Je öfter du Frauen ansprichst, desto sicherer wirst du dabei«, erklärte er weiter.
»Lass uns weiterziehen. Du zeigst auf eine beliebige Frau, die ich ansprechen soll. Schau zu und lerne aus der Ferne, wie ich mich verhalte«
»Okay, einverstanden!«
Und so schlenderten wir durch die Stadt. Ich zeigte auf eine Frau, die entlang der Regale einer Buchhandlung ging. André sprach sie an. Ich zeigte auf eine Frau, die aus einer Straßenbahn ausstieg. André sprach sie so an, dass sogar ich als Außenstehender davon rot wurde. Ich zeigte auf eine Milf, die mit ihrem Hund auf einer Bank saß. Auch sie sprach er an.
André konnte wirklich jede Frau in jeder Situation ansprechen und ihm war es gleich, ob sie ihm ihre Handynummer gab oder nicht. Ich schaute ihm dabei zu und lernte.
»So, jetzt bist du dran«, sagte André, nachdem er ein Dutzend Frauen angesprochen hatte.
Er zeigte auf eine junge Frau mit blonden Haaren, die an der Kröpcke-Uhr stand und in ihr Handy vertieft war. Ehrlich gesagt, machte mich ihre schwarze Lederhose etwas skeptisch, ob sie mein Typ war, aber ich beschloss, es trotzdem zu versuchen und nahm den Vorschlag an.
Mein Herz begann schneller zu schlagen, je näher ich ihr kam, und die Aufregung stieg ins Unermessliche.
»Entschuldige«, sprach ich die Frau leise an, doch sie schien mich nicht mal zu bemerken.
»Hey, darf ich dich kurz stören?«, machte ich einen zweiten Versuch und winkte mit meiner Hand vor ihrem Handy, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
Sie zog einen Kopfhörer aus ihrem Ohr und schaute mich mit einer skeptischen Miene an. »Hmm?« »Ich sagte, darf ich dich kurz stören?«
»Ja?« antwortete sie, immer noch skeptisch.
»Ich wollte fragen, ob ich dich kennenlernen darf?«
Ohne etwas zu sagen, steckte sie den Kopfhörer wieder rein und widmete sich wieder ihrem Handy zu. Ich fühlte mich wie in einem Film, in dem die peinlichste Szene immer wieder wiederholt wird. Mit gesenktem Kopf drehte ich mich um und ging so schnell wie möglich zurück zu André.
»Sehr gut, es ist normal, dieses unangenehme Gefühl zu haben«, sagte André und konnte sich wohl schon denken, was passiert war.
»Ich brauche erstmal eine kurze Pause«, gestand ich, während mein Herz sich langsam beruhigte.
»Ich wette mit dir, dass du zu leise gesprochen hast.«
»Das kann gut sein.«
»Hab keine Angst, lauter zu sprechen, sodass andere dich hören, Alex. Die Tussi hat dich glaube ich nicht mal gehört, als sie noch die Kopfhörer in den Ohren hatte«, mutmaßte André weiter.
»Woher weißt du das? Ja, sie hat mich nicht gehört.«
»Rede ein Tickchen lauter und sprich auch etwas langsamer als jetzt.«
»Okay, ich versuche es mal bei dem nächsten Mädel.«
»Nein, nicht beim nächsten Mädel! Du musst immer laut, langsam und deutlich sprechen und auf deine Körperhaltung achten. Das wird dir nicht nur in der Datingwelt helfen.«
Seine Hinweise, obwohl sie so offensichtlich waren, öffneten mir die Augen. Allein eine gerade Körperhaltung mit einem Blick nach vorne, boosteten mein Selbstbewusstsein, auch wenn ich mich in dem Moment eigentlich gar nicht so selbstbewusst fühlte.
»Aber genug der Kritik. Was ich gut finde, ist, dass du eine schöne tiefe Bruststimme hast. Nutze ihr volles Potential!«, machte er mir ein Kompliment.
»Danke, André«, sagte ich, während er bereits mit dem Finger auf ein weiteres blondes Mädel zeigte, an der ich wohl seine Tipps üben sollte.
Diesmal hatte ich, trotz eines Korbes, zumindest eine kleine Konversation mit dem Mädel. Bei den nächsten Versuchen bekam ich ebenfalls Körbe, bis ich selbst Mädels aussuchte, die mir wirklich gefielen. So konnte ich von elf angesprochenen Frauen zwei Nummern ergattern. Ein kleiner Erfolg, der mir zeigte, dass Übung in Kombination mit einem aufrichtigen Interesse wirklich den Frauenverführer macht.
Frühling, 2014. Als ich meinem Mitschüler Christian erzählte, dass ich Mädchen ansprechen konnte, glaubte er mir nicht. Nach der Schule ging ich mit ihm zusammen ins Stadtzentrum, um es ihm zu beweisen.
»Da, sprich die an!«, sagte Christian zu mir und zeigte dabei mit dem Finger auf ein großes Mädchen, die am Eingang eines Cafés wie ein Modell stand.
»Okay, versuchen wir es mal«, entgegnete ich ihm, leicht verunsichert, weil ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, dieses Mädchen anzusprechen. Sie sah aus wie eine wohlhabende High-Society-Touristin, mit der neusten Louis-Vuitton Tasche am Arm, die gerade auf ihren Mann wartete. Sie schaute auf ihr Handy, als ich, möglichst entspannt, auf sie zuging. Kurz bevor ich vor ihr stand, bemerkte sie mich, richtete sich auf schaute mich fragend an. Wahrscheinlich dachte sie, ich würde sie nach dem Weg fragen wollen oder so etwas. Ich blickte ihr kurz tief in die Augen.
»Hey, ich würde dich gerne kennenlernen«, sagte ich laut, deutlich und ganz gelassen und zeigte ihr den Bildschirm meines Handys, wo sie direkt ihre Nummer eintippen konnte. Sie lächelte verwirrt und tippte gleichzeitig mit ihren langen Fingernägeln ihre Nummer ein. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr ging ich wieder zu Christian zurück, der mich aus der Ferne beobachtete.
»Unglaublich, wie ist das möglich?«, fragte er mich erstaunt mit weit aufgerissenen Augen.
»Das nennt man Magie!«, antwortete ich ihm scherzhaft. Bevor ich es schaffte, ihm zu sagen, dass er es das selbst ausprobieren sollte, zeigte er bereits auf ein anderes Mädchen.
»Hier, sprich sie auch an«, forderte er mich auf. Doch dann wurden wir plötzlich von einem Mann von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung angequatscht.
»Darf ich ein Foto von dir machen?«, fragte mich der Mann mit der Kamera.
»Ja, warum nicht!«
»Worauf freust du dich heute am meisten?«, stellte er mir als nächstes die Frage, während er auf den Auslöseknopf drückte. Nach einer kurzen Überlegung antwortete ich ihm, dass gute Ideen in Physik cool wären.
Ein paar Tage später schickte mir mein Mitschüler Cedrik bei Facebook ein Foto. Es war ein abfotografierter Zeitungsausschnitt mit einem Foto von mir. Drunter stand: »Heute freue ich mich auf gute wissenschaftliche Ideen im Physikunterricht.« Das löste in mir das gleiche Gefühl aus, wie damals, als ich mit Onkel in seinem gepimpten Auto durch das Dorf gecruist war. Dieses Ereignis motivierte mich noch mehr, Physik zu studieren und eines Tages ein berühmter Physiker wie Albert Einstein zu werden.
Sommer, 2014. Das letzte Schuljahr verging so schnell, dass ich es kaum bemerkte – das Abitur rückte näher. Zum Ende des Schuljahres wurden entweder abiturrelevante Themen wiederholt, Filme wie Inception geguckt oder im Informatikunterricht das heimlich per USB auf die Schulcomputer kopierte Paint-Ball-Shooter gespielt oder mit Paint gezeichnet. Eines meiner Werke war eine in der Ferne liegende Großstadt in nächtlicher Atmosphäre, wobei sich hinter der Stadt große Berge erstreckten und der Himmel einen riesigen Vollmond und viele Sterne trug. Der Beobachter stand weit weg, an einem mystischen Friedhof auf einer Straße, die zur Stadt führte. Er musste sich seinen Ängsten stellen und noch ein Stückchen einsam gehen, um an den Ort zu gelangen, an dem er eigentlich sein wollte.
August 2014. Die meisten meiner Mitschüler lernten schon längst fürs Abitur. Ich lernte hauptsächlich für die mündliche Physikprüfung, weil ich sie gerne gut ablegen wollte. Ständig kam ich beim Lernen auf irgendwelche Ideen und notierte sie, um daraus vielleicht irgendwann mal eine Theorie zu entwickeln, wenn ich Physik besser verstand. Neben Physik bereitete ich mich auch ein bisschen auf Stochastik vor, den Teil der Mathematikklausur, den ich überhaupt nicht mochte. Die anderen Abiturfächer, also Englisch und Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, selbst Informationstechnik, waren mir gleichgültig.
Obwohl ich im Matheabitur eifrig die Aufgaben bis zur letzten Minute bearbeitete, bestand ich es mit meinem Erstaunen nur mit vier Punkten. Bei der Abiturprüfung in Physik bekam ich ein Thema über den photoelektrischen Effekt. Leider verlief nicht alles nach Plan, weshalb ich nur vierzehn Punkte bekam.
Nach den Prüfungen im Juni ging ich mit der Klasse auf eine einwöchige Abiturfahrt nach Prag. Dort machten wir tagsüber langweilige Stadtexpeditionen und nachmittags hatten wir freie Zeit, die ich mit anderen Schülern hauptsächlich in irgendwelchen Restaurants mit Saufen verbrachte.
Auf unserem Zimmer kam ich mit meinem Klassenkameraden Max in ein Gespräch über Frauen. Er glaubte mir nicht, dass ich die heiße Empfangsfrau unseres Hotels nach Sex fragen und zu uns ins Zimmer holen könnte. Also ging ich am vorletzten Tag gegen zwölf Uhr nachts, als keine Gäste mehr am Empfang waren, zu ihr, um sie mit meinem schlechten Englisch direkt zu fragen, ob sie einverstanden wäre, für Geld zu uns aufs Zimmer zu kommen.
Sie lehnte lachend mein Angebot mit der Begründung ab, dass sie bereits verheiratet war. Das war schade, denn sie war die letzte Hoffnung, die Klassenfahrt noch irgendwie wild und aufregend zu machen. Dann erinnerte ich mich daran, was ein Lehrer sagte als wir auf der Karlsbrücke standen: »Dort drüben ist die angeblich größte Disko Europas.«
Ich entschloss mich am letzten Tag, dieser Disko einen Besuch abzustatten. Da ich nicht allein hingehen wollte, fragte ich die Leute aus meinem Zimmer. Niemand wollte mitkommen, alle wollten nur durchschlafen und morgen wieder nach Hause fahren. Aber ich wollte auf gar keinen Fall schlafen, ich wollte Party machen! Also fragte ich in den anderen Zimmern nach. Nur zwei meiner Mitschüler, Daniel und Niklas, die in der Schule immer mit den Nerds abhingen, waren einverstanden.
Auf dem Weg zur Disko verliefen wir uns natürlich erstmal. Irgendwann fanden wir aber endlich den Eingang, den wir allerdings nur bemerkten, weil dort eine riesige Menschenschlange wartete.
Die Disko hatte mehrere Stockwerke und auf jedem spielte eine andere Musikrichtung. Erst nach mehreren alkoholischen Cocktails konnte ich mich tatsächlich zum Tanzen überwinden. Die unsicheren Bewegungen auf der Tanzfläche wurden immer sicherer und sicherer. Irgendwann kam ich an den Punkt, wo das Tanzen sehr viel Spaß machte, sodass wir bis ungefähr vier Uhr morgens in der Disko blieben.
Auf dem Rückweg ins Hotel bekam ich von Daniel mein erstes Feedback darüber, wie mein Tanzstil auf Außenstehende wirkte.
»Alex, du tanzt so als hättest du einen epileptischen Anfall«
»Gut, dass wir heute dieses Land verlassen«, entgegnete ich.
Nach der Abiturfahrt gab es endlich Abschlusszeugnisse. Am letzten Schultag kam ich in einem schicken schwarzen Anzug, den ich damals von Dima geschenkt bekommen hatte. Hätte ich diesen Anzug nicht besessen, wäre ich wahrscheinlich ähnlich wie Niels zur Zeugnisvergabe erschienen. Er trug zu jeder Jahreszeit und zu jeder anderen Veranstaltung eine kurze Hose und ein T-Shirt. Auch zur Zeugnisvergabe.
Noch einen kurzen Moment stand ich mit Mama und meinen Schwestern im Schulfoyer zusammen und tauschte mich über meine Abschlussnoten aus. In diesem Augenblick kam Niels mit einem Lächeln auf mich zu, die Hände in den Hosentaschen vergraben.
»Hey Alex! Was ist dein Notendurchschnitt?«
»Frag lieber nicht. Drei Komma drei!«, gestand ich mit einem Grinsen. »Hauptsache, ich kann jetzt Physik studieren.«
Mit einer überraschenden Antwort trat Niels näher.
»Ich werde jetzt auch Physik studieren.«
Niels zeichnete sich zwar durch seine Englischkenntnisse aus und bewegte sich mittelmäßig in Mathematik, aber in Physik war er alles andere als gut.
»Was? Wirklich? Wie kommst du zu dieser Entscheidung?«, hakte ich neugierig nach.
»Ich weiß es selbst nicht genau. Vielleicht hat mich dein Ehrgeiz im Physikunterricht inspiriert«, erwiderte er grinsend.
»Planst du auch in Hannover zu studieren?«, fragte ich neugierig weiter.
»Ja, wir werden uns bestimmt wiedersehen!«
»Bestimmt! Wir werden sicherlich in denselben Vorlesungen sitzen.«
»Pass gut auf dich auf, Alex.«
»Ciao, Niels«, verabschiedete ich mich von ihm und begab mich mit meiner Familie auf den Heimweg.
Mit dem erfolgreichen Abschluss des Abiturs war ich nun bereit, meinem Traum des Physikstudiums an der Leibniz-Universität nachzugehen. Bevor jedoch mein Abenteuer an der Universität begann, hegte ich den dringenden Wunsch, meine Angst zu überwinden, die mich in der Prager Diskothek fest im Griff hatte und mich stark daran hinderte, zu tanzen.
Ich stand noch kurz mit Mama und meinen Schwestern im Schulfoyer und tauschte mich mit denen über meine Endnoten aus.
Niels, mit den Händen in den Hosentaschen, kam auf mich mit einem Lächeln zu.
»Na Alex! Was hast du für einen Notendurchschnitt?«
»Frag besser nicht. Drei komma drei! Hauptsache ich kann jetzt Physik studieren« antwortete ich und grinste.
»Ich werde jetzt auch Physik studieren«, überraschte mich Niels mit seiner Antwort.
Niels war zwar ausgezeichnet in Englisch, mittelmäßig in Mathematik, aber alles andere als gut in Physik.
»Was? Wirklich? Wie kommst du auf so eine Entscheidung?«
»Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht hat mich dein Ehrgeiz im Physikunterricht angesteckt« antwortete er grinsend.
»Studierst du dann auch in Hannover?« fragte ich ihn neugierig weiter.
»Ja, wir sehen dann bestimmt wieder!«
»Sicher! Wir werden in den gleichen Vorlesungen sitzen.«
»Machs gut Alex«
»Ciao, Niels«, verabschiedete ich mich von Niels und fuhr mit meiner Familie nach Hause.
Durch den Abschluss des Abiturs war ich nun in der Lage, meinem Traum des Physikstudiums an der Leibniz-Universität in Hannover nachzugehen. Doch bevor es mit der Uni losging, wollte ich unbedingt meine Schüchternheit, dieses Unwohlsein überwinden, das ich in der Prager Disko verspürt hatte.
August, 2014. Obwohl mir die Musik richtig gut gefiel und mein Körper sich unbedingt bewegen wollte, traute ich mich im nüchternen Zustand nicht, zu tanzen. Ich erinnerte mich an die Lektionen von André, mit deren Hilfe ich meine Frauen-Ansprechangst überwinden konnte. Im Grunde war es die gleiche Angst, das gleiche Unwohlsein. Um sie zu besiegen, musste ich einfach öfter in Diskos gehen und tanzen. Erst ist es peinlich und unangenehm, aber irgendwann verschwindet dieses Gefühl.
Also setzte ich mich abends in den Zug und fuhr in eine russische Diskothek namens Infinity Club. Um mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen, quatschte ich unterwegs zur Diskothek eine Frau an. Sie ging auch feiern, aber in einen anderen Club.
Ich war bereits um 22:50 Uhr da, obwohl der Türsteher mir auf Russisch sagte, dass die Disko erst um dreiundzwanzig Uhr öffnen würde. Pünktlich um dreiundzwanzig Uhr ließ er mich als ersten Gast hinein. Als ich mich an die Bar setzte und einen Cocktail bestellte, kam, wie ich erwartet hatte, dieses unangenehme Gefühl auf. Doch neben diesem Gefühl verspürte ich zusätzlich ein anderes Unwohlsein. In Prag war ich mit Daniel und Niklas unterwegs gewesen, diesmal war ich ganz allein. Ich hatte Angst, dass die hereinströmenden Gäste von mir denken würden: »Guck mal, der hat keine Freunde! Er ist ganz allein hier. Sitzt auch noch da in der Ecke und traut sich nicht Spaß, zu haben.«
Beim ersten Mal traute ich mich nicht wirklich auf die Tanzfläche. Ich stand nur am Rand und nickte ein bisschen mit dem Kopf zur Musik. Doch die nächsten Wochenenden waren erfolgreicher. So langsam überwand ich nicht nur das Unwohlsein, allein in Clubs zu gehen, sondern auch zu tanzen. Nach jedem Diskobesuch traute ich mich mehr und mehr, bis ich meinen Körper einfach so bewegte, wie ich ihn bewegen würde, wenn ich alleine in einem Raum mit guter Musik wäre.
Am besten gefiel es mir in einem Club direkt am Bahnhof, der von den Hannoveranern Baggi genannt wurde. Die Menschen dort waren zwar etwas abgehoben, dafür waren sie aber nach meinem Eindruck weniger aggressiv und nicht so betrunken. Das Gute an dieser Disko war, dass sie eine große Tanzfläche besaß.
Ich kam stets sehr früh in die Disko, so früh, dass kaum jemand da war. Als ich in die Baggi reinging, setze ich mich meistens kurz auf die Treppenstufe, den Blick auf die noch komplett leere Tanzfläche gerichtet, wartete auf einen guten Song und beobachtete währenddessen die bunten, tanzenden Lichter auf dem Boden. Manche Leute kamen hinein, setzten sich auf die Sofas, redeten irgendwas oder schauten ebenfalls auf die Tanzfläche. Ich sah in ihren Gesichtern genau dieses Gefühl, das ich immer hatte – den Drang tanzen zu wollen, aber nicht zu können.
Ich wartete, bis ein perfektes Lied zum Abgehen gespielt wurde, etwa Everybody von den Backstreet Boys, The Next Episode, Thrift Shop oder A Little Party Never Killed Nobody. Sobald ich den Anfang eines geilen Songs hörte, war es mir nicht mehr möglich, rumzusitzen. Die lauten Beats wanderten durch meinen ganzen Körper und veranlassten mich dazu, auf die Tanzfläche zu springen und meine brennende Lust aufs Tanzen zügellos auszuleben.
Es ging mir nicht darum, professionell zu tanzen, sodass andere es schön fanden, sondern Spaß zu haben, und das ging am besten, wenn ich meinen Körper so bewegte, wie er sich bewegen wollte.
Kurze Zeit später kamen Leute, die wahrscheinlich miteinander befreundet waren und machten meine Moves nach. Dann sprangen noch mehr Leute auf die Tanzfläche und schlossen sich uns an. Selbst die Gäste, die an den Bars herumstanden, begannen mich nachzumachen, sodass von einer Minute auf die nächste beinahe der ganze Club abging.
Einige Songs später war mein T-Shirt durchnässt und meine Beine konnten mich kaum noch halten, obwohl mein Geist noch so lange tanzen wollte, wie meine Lieblingslieder liefen. Zum Glück kam irgendwann ein Latino-Song, der überhaupt nicht mein Fall war. Es war also an der Zeit, die Tanzfläche zu verlassen, um mir ein kaltes Glas Wasser zu holen. Während andere an der Bar alkoholische Drinks bestellten, wollte ich nur kaltes Wasser haben, weil ich so verschwitzt und durstig war wie nach einem anstrengenden Workout. Um mich derartig ausgezeichnet zu fühlen, brauchte ich nicht mal einen einzigen Schluck Alkohol.
»Mit Kohlensäure bitte«, sagte ich dem Barkeeper.
»Das geht aufs Haus«, antwortete er und schob mir ein Glas Mineralwasser zu.
Dann begab ich mich an den Rand der Tanzfläche und beobachtete die anderen Gäste. Ich sah, wie viele grinsende Gesichter mich immer noch anstarrten. In diesem Moment versuchte ich nicht, etwas zwanghaft zu tun, um normal zu wirken. Ich ließ die Zeit einfach verstreichen und betrachtete das tanzende Gedränge, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie andere mein Verhalten interpretieren könnten.
Während ich dort stand, wurde ich von einigen Mädels angetanzt. Manche kamen so nah an mich ran und rieben ihren Arsch an mir. Doch ich blieb regungslos und schlürfte gelassen mein Mineralwasser. Nachdem ich mich ausgeruht hatte und die Tanzfläche überfüllt war, suchte ich mir einen Platz vor einer weniger vollen Bar, um Platz für meine Moves zu haben. Auf diese Weise fiel ich besonders auf, sodass es nicht möglich war, ein Lied durchzutanzen, ohne von jemandem angesprochen und bewertet zu werden.
»Du bist der coolste Typ, den ich je gesehen habe!«, rief mir jemand im Vorbeigehen zu. Immer wieder gab es Kommentare von anderen. Mal wurde ich bewundert, mal wurde mir unterstellt, Drogen genommen zu haben.
»Willst du auch so eine Droge wie ich?«, antwortete ich und reichte dem Typen aus meiner Tasche ein Airwaves-Kaugummi. Oder ich antwortete ironisch, aber freundlich: »Das ist der viral gegangene Universaldenker-Tanz, kennst du den nicht?«, und zeigte spontan, aber überzeugend irgendwelche ausgedachten Bewegungen.
Der Mut, mich meinen eigenen Ängsten zu stellen, verwandelte mich in diesen Nächten in eine Person, die fähig war, die Welt zu verändern und zum Vorbild für andere zu sein.
So überwand ich jedes Wochenende in den Sommerferien beim Tanzen meine Ängste, bis ich sie eines Tages komplett besiegt hatte.
An den Werktagen, wenn meine Lieblingsclubs geschlossen waren, kümmerte ich mich um meine Kurzsichtigkeit und kaufte mir eine weniger auffällige Brille mit rechteckigen Gläsern. Ich suchte nach einer Einzimmerwohnung oder einer Wohngemeinschaft in Hannover, um mir die etwas umständlichen fünfzigminütigen Reisen zur Uni zu ersparen. Ich bewarb mich für mindestens fünfzig Wohnungen – doch ich erhielt entweder gar keine Antwort oder einen standardisierten Ablehnungstext.
Auch auf meine Wohnungsanfrage beim Studentenwohnheim erhielt ich nie eine Antwort. Das war jedoch nicht überraschend: Viele Vermieter verlangten eine Mietbürgschaft und eine SCHUFA-Auskunft. Meine Mutter verdiente als Pflegeassistentin nicht viel und hatte unzählige Konsumschulden. Mein beantragtes BAföG war die einzige Sicherheit, die ich vorweisen konnte, doch anscheinend genügte das den Vermietern nicht.
Ich war enttäuscht. Meine Mutter dagegen freute sich, dass ich keine Wohnung bekam. Sie wollte unbedingt, dass ich bei ihr bleibe. Doch wie sich später herausstellen sollte, war das wahrscheinlich der entscheidendste Misserfolg, der mir zur finanziellen Freiheit verhalf…
September 2014. Jeden Morgen stand ich um viertel vor sechs auf, um zu duschen, zu frühstücken und mich dann auf den Weg nach Harsum zu machen, wo der Zug nach Hannover fuhr. Nach Harsum reiste ich entweder mit dem Bus oder meine Mutter setzte mich dort ab, wenn sie zur Arbeit nach Algermissen fuhr. Wenn sie zu anderen Zeiten arbeitete und mich deshalb nicht nach Harsum bringen konnte, hatte ich keine Wahl als mit dem Bus zu fahren.
Leider konnte ich mit meinem Semesterticket nicht kostenlos fahren. Dieses war für die Busfahrt bis Harsum ungültig. Deshalb musste ich jedes Mal, wenn ich den Bus nahm, drei Euro für ein Ticket ausgeben, das ich aber zum Glück von meinem BAföG bezahlen konnte. Viel blieb von diesem Geld nicht übrig, da ich damit meiner Mutter half, Rechnungen und Schulden zu begleichen, wenn es finanziell kritisch wurde. Eigentlich hätte ich das Fahrrad meiner Schwester statt dem Bus nutzen können, um etwas Geld zu sparen, aber ich war zu faul dafür.
Die ganzen Vorlesungen und Tutorien gingen meist bis zum Nachmittag. Um bei der Rückfahrt nach Hause nicht eine Stunde in Harsum auf den Bus warten zu müssen, bearbeitete ich bis acht Uhr abends in der Unibibliothek die vier wöchentlichen Übungszettel in linearer Algebra, Analysis, Experimentalphysik und theoretischer Physik. Ich hatte die Einführungswoche für Studienanfänger nicht besucht und war deshalb in keiner der Lerngruppen, die sich in der Woche gebildet hatten.
Ich traute mich nicht, bei einer der Gruppen nachzufragen, ob ich mitmachen konnte. Ich war mal wieder in einer introvertierten Phase, wahrscheinlich weil mich die erfolglose Suche nach einer Wohnung etwas niedergeschlagen hatte. Daher arbeitete ich entweder allein oder manchmal mit Niels.
Um neun Uhr war meine Mutter mit dem Spätdienst fertig und holte mich aus Harsum ab. Von frühmorgens bis abends war ich in der Uni.
Zu Hause, nach dem Abendessen, saß ich weiter bis spät in die Nacht an den Übungszetteln und kriegte es trotzdem nicht hin, sie fertig zu bearbeiten. Ich fühlte mich einfach zu dumm dafür und mein Kopf explodierte beinahe. Meine Mutter kam in mein Zimmer hinein und erinnerte mich daran, schlafen zu gehen, wenn es bereits Mitternacht war. Die Vorlesungen begannen am nächsten Tag um acht, was für mich hieß, dass ich um viertel vor sechs wieder aufstehen musste.
Mit jedem weiteren Tag baute sich ein ungewohnter Druck auf, der für mich nur schwer zu verkraften war. Während der Professor bereits über neue Themen sprach, stecke ich noch bei den alten und versuchte, sie richtig zu verstehen.
Die ganze Situation ließ mich in höllische Stresssituationen geraten, die ich vorher noch nie erlebt hatte und schon gar nicht im Physikunterricht. So hatte ich mir das Physikstudium nicht vorgestellt. Ich war wohl nicht allein – auch Niels war immer seltener in der Uni und brach schon bald das Physikstudium ab.
Meine Kraft ließ langsam nach, und der Spaß an der Physik schwand. Ich fing an, die Übungszettel und Vorlesungen auszulassen und lieber zu Hause zu bleiben. Stattdessen spielte ich gewertete Spiele in League of Legends und versuchte, weiter zum Diamant-Rang aufzusteigen, um zu den besten 1.5% der Spieler weltweit zu gehören. Oder ich schaute mir Let's Plays der allerbesten Spieler an.
Auf diese Weise schottete ich mich von der Außenwelt ab, genau wie früher. Jedes Mal, sobald ich das Spiel oder ein Let's Play startete, fühlte ich mich wie auf Knopfdruck deutlich introvertierter. Bei dem Gedanken an die letzten sozialen Interaktionen, wie das Ansprechen eines Mädels auf der Straße, kam bei mir ein Gefühl der Peinlichkeit auf, und ich dachte, dass ich diese Interaktion hätte lassen sollen.
Es gab aber auch Phasen, in denen ich in League of Legends nicht weiterkam. An solchen Tagen versuchte ich, Ideen auszuarbeiten, die mir während der Vorlesung, in der ich ohnehin nicht richtig mitkam, eingefallen waren. Beispielsweise bemerkte ich in einer Mathematikvorlesung, dass für ein und dieselbe Sache mehrere Synonyme und Notationen benutzt wurden. Dies führte dazu, dass ich glaubte, mich mit einer Sache noch nicht ausreichend auszukennen, obwohl ich dies bereits tat. Mir fehlte lediglich das Wissen über dieses spezifische Synonym oder diese Notation.
In der Schule war es oft ähnlich gewesen, ohne dass es mir aufgefallen war. Dieser Umstand veranlasste mich dazu, an den Tagen, an denen ich in League of Legends nicht weiterkam, eine einheitliche Notation zu entwickeln, um die Kommunikation in der Physik und Mathematik verständlicher und eindeutiger zu gestalten. Ich begann also, alle Begriffe und Schreibweisen, die ich in der Uni kennenlernte, eindeutig festzulegen, um unnötig viele Begriffe für ein und dieselbe Sache zu vermeiden.
So wagte ich etwas, was kein Mathematiker auf der Welt wagen würde, und entwickelte eine komplett neue Schreibweise für das seit Jahrhunderten bestehende Summen- und Produktzeichen. Dieses Summenzeichen war seitdem überall in meinen Videos und auf meiner Website zu finden.
Auch modernisierte ich das Periodensystem der Elemente, was wahrscheinlich auch kein Chemiker jemals wagen würde. Ich habe alle Bezeichnungen der Elemente vereinheitlicht, sodass sie mit dem Element-Symbol übereinstimmen und nicht mehr ins Englische übersetzt werden müssen. Zum Beispiel wurde Wasserstoff (H) zu Hydrogenium (H). Bor (B) wurde zu Borium (B). Kohlenstoff (C) wurde zu Carbonium (C). Stickstoff (N) zu Nitrogenium (N). Neon (Ne) zu Neonium (Ne). Titan (Ti) zu Titanium (Ti) und so weiter. Aluminium (Al) blieb natürlich weiterhin Aliminium (Al).
Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr einsam. Sowohl zu Hause als auch in der Uni oder in der Mensa verbrachte ich meine Zeit meist allein. Ich sehnte mich nach einer Person, bei der ich mich geborgen fühlte. Einer Person, die mich in den Arm nehmen und mit motivierenden Worten bestärken würde, nicht aufzugeben. Einer Person, mit der ich zusammen einschlafen oder einfach etwas unternehmen könnte, um auf andere Gedanken zu kommen. Je verzweifelter mich das Physikstudium machte, desto mehr verspürte ich den Drang, diese eine Person zu finden. In meinem Zimmer an der Wand über meinem Schreibtisch hing mittlerweile ein bunt angemalter Zettel, auf dem stand: »Ziel: meine Seelenverwandte finden.«
Ich vertrat damals die Ansicht, dass das Universum durch und durch deterministisch war. Alles war vorherbestimmt. Mein Handeln war nur scheinbar selbstbestimmt. Alles, was ich angeblich nach freiem Willen tat, war lediglich eine Folge des vorherigen Zustands des Universums. Meine Zukunft stand also bereits fest und könnte mithilfe eines Horoskops möglicherweise schon in der Gegenwart offenbart werden.
Daher schaute ich mir, wenn ich die Uni schwänzte, verschiedene Horoskope an und untersuchte, welches die beste Vorhersagekraft hatte. Jeden Tag verglich ich die Aussage des Tageshoroskops mit meinen Erlebnissen. Erika Bergers Horoskop schien mir das beste zu sein, vor allem, weil ich dort mein Geburtsdatum eintragen konnte. Um meine Vermutung zu bestätigen, suchte ich nach Probanden bei Facebook, um herauszufinden, ob dieses Horoskop für andere Menschen genauso gut funktionierte.
Lediglich bei vier von zwanzig Personen, die mitgemacht hatten, sagte das Horoskop das Erlebte treffend voraus. Ich war einer dieser vier Menschen. Und obwohl es nach diesem Experiment keinen rationalen Grund gab, den Vorhersagen zu vertrauen, gewöhnte ich es mir dennoch an, täglich in Erika Bergers Horoskop zu schauen, um herauszufinden, ob ich meiner Seelenverwandten heute begegnen würde. Und eines Tages hatte es endlich geklappt…
Oktober 2014. Es war Mitternacht. Ich lag in meinem warmen Bett und betrachtete die im Mondlicht blau schimmernde Zimmerdecke. Draußen vorm Fenster schob sich der Mond zwischen den weißen Wolken hervor. Es war ganz still. Das Einzige, was ich hören konnte, war mein Atem. Ich fragte mich, warum es so verdammt schwer war, meine Seelenverwandte zu finden, obwohl ich so leicht an die Nummern der Frauen kam.
Aus einem Instinkt heraus stand ich auf und bewegte mich zum Fenster, öffnete es und schaute zum Vollmond hinauf. Nach einer kurzen Zeit spürte ich die von draußen hereindringende, herbstliche Kälte, die mich zum Zittern brachte, was mich seltsamerweise ein bisschen an das höchstemotionale Ende von Titanic erinnerte. Mein Mund war leicht geöffnet, sodass mein Atem kleine Wölkchen in der Nachtluft bildete. Ich starrte den Mond an und flüsterte: »Gott, wenn Du existierst, bitte ich dich, lass mich endlich meine Liebe finden. Ich möchte einem Menschen begegnen, mit dem ich bis zum Ende aller Tage zusammen sein werde. Bitte... Gott… ich warte schon so lange! Ich möchte sie endlich erleben – die wahre Liebe.«
Ich atmete tief ein und aus und schloss anschließend das Fenster. Im Zimmer war es kühl geworden. Ich kroch zurück ins Bett, umhüllte mich mit der Decke und steckte die Hände unters Kissen.
»Bin echt gespannt, ob es dich gibt«, flüsterte ich schmunzelnd. Dann machte ich meine Augen zu und schlief ein.
Am nächsten Tag riss mich das Weckerklingeln aus dem Schlaf. Es war ein Donnerstag. Noch bevor ich aufstand, griff ich zum Handy, um den Wecker abzustellen und anschließend meine Nachrichten zu checken. Als erstes schaute ich in mein Lieblingshoroskop. Fünf von fünf Sternen in der Kategorie »Liebe und Partnerschaft« und dann noch eine überraschende Beschreibung, in der stand, dass ich heute einem neuen Menschen begegnen und ein neuer Lebensabschnitt beginnen würde. Diese Vorhersage musste ich erst einmal verdauen. Das Horoskop hob meine Stimmung unglaublich, auch wenn ich beim Zähneputzen für kurze Zeit ins Zweifeln geriet. Dennoch hätte ich kaum besser in den Tag starten können. Obwohl ich die Dusche an diesem Morgen aus Zeitgründen ausließ, verdrängte das Dopamin meine Müdigkeit. Ich war hellwach.
Wenn das Horoskop nichts Besonderes vorhersagte, döste ich im Zug oder schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Doch heute war ich offen und sozial. Ich konnte meine positive Ausstrahlung kaum verbergen und lächelte die ein- und aussteigenden Fahrgäste an, in der Hoffnung, meine wahre Liebe unter ihnen zu entdecken. Es war ein Gefühl von Neugierde und positiver Spannung, das mich an diesem Tag begleitete.
In den ersten Vorlesungen, die bis zwölf Uhr dauerten, konnte ich mich kaum auf den Inhalt konzentrieren. Während der Mittagspause, auf dem Weg zur Mensa, begegnete ich zufällig Niels. Er schloss sich mir an und wir gingen zusammen essen. Ich entschied mich für eine Currywurst mit Pommes; so wie immer eigentlich, wenn es sonst nichts Leckeres gab. Wir setzten uns auf zwei freie Plätze und aßen. Zwei Jungs neben uns waren bereits mit dem Essen fertig und verließen den Tisch. Kurz danach kamen zwei Mädchen und belegten die gerade frei gewordenen Plätze. Doch wer sich da hingesetzt hatte, nahm ich erst wahr, als ich den Blick vom Teller hob und das blonde Mädchen entdeckte, das auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches saß. Das andere Mädchen konnte ich nicht erkennen, weil sie auf meiner Seite des Tisches saß, hinter Niels. Aber das war mir egal; ehrlich gesagt war mir in diesem Moment alles gleichgültig – ich hatte nur noch Augen für diese junge Frau. Sie schien mir nicht glücklich zu sein. Ihr Kopf hing über dem Teller – anscheinend hatte sie keinen großen Appetit. Manchmal hob sie leicht ihren Kopf, um nach links und rechts zu schauen – als würde sie etwas vergeblich erwarten – und senkte ihren Kopf wieder nach unten, wenn es nicht geschah. Sie sprach kaum mehr als ein paar Worte mit ihrer Freundin. Und, wenn etwas aus ihrem Mund kam, dann war es sanft und ohne Hektik – mit einer leichten Traurigkeit. Kurz holte sie ihr Handy aus der hellbraunen Tasche, schaute mit einem leeren Blick darauf und legte es wieder ab. All ihre Bewegungen, ihre gesamte Art, war mit niemandem, wirklich niemandem in der Umgebung vergleichbar. Ein anderer würde wahrscheinlich das Besondere an ihrer Gewöhnlichkeit nicht erkennen, doch mich faszinierte ihr einzigartiges Wesen. All das Gelaber und das klappernde Besteck an den Tischen um mich herum wurde in meinen Ohren plötzlich dumpf. Mit kurzen, unaufdringlichen Blicken ertastete ich sie in der geistigen Vorstellung.
Nachdem ich ein abgeschnittenes Stück Currywurst in meinen Mund schob und zu kauen begann, legte ich langsam das Besteck ab und legte meine Hände auf die Beine, um mich in ihre Lage zu versetzen und ihre Gegenwart zu spüren. Ich stellte mir vor, wie unsere Seelen sich aus unseren Körpern lösten, sich erst zögerlich aufeinander zubewegten, sich berührten und dann spielerisch miteinander tanzten. Es war ein neues, seltsames Gefühl; aber auch ein schönes Gefühl. Zu spüren, wie geborgen meine Seele in diesem Moment war.
Als mein Teller sich leerte, bekam ich Angst. Angst, sie gehen zu lassen. Deshalb sagte ich Niels, der bereits mit dem Essen fertig war, dass ich gern noch sitzen bleiben würde, um das Gegessene in Ruhe zu verdauen – und um etwas zu wagen ...
Die Mädels waren mit dem Essen fertig und saßen ebenfalls noch eine Weile am Tisch. Als es soweit war und die beiden aufstanden, um die Mensa zu verlassen, gab ich Niels ein Signal, dass wir nun gehen können. Nach der Abgabe des schmutzigen Geschirrs trennten sich unsere Wege an zwei verschiedenen Ausgängen. Doch ich konnte mich nicht dazu durchringen, die Tür aufzudrücken, weil die Zeit für einen Moment stehen geblieben war. Es kamen viele Fragen auf Wie konnte ich sie einfach so gehen lassen? Wir waren füreinander bestimmt! Gott hatte mir am gestrigen Abend meinen langersehnten Wunsch erfüllt, aber warum ließ er uns unterschiedliche Wege gehen? Musste ich in mein Schicksal selbst eingreifen? Wie weit war sie schon von mir weg? Konnte ich sie noch finden?
Ich wusste, dass ich vor einer Entscheidung stand; einer Entscheidung, die mein Leben verändern könnte. Nein! Ich würde nicht durch diese Tür gehen. Ich drehte mich schnell um und rannte in eine andere Richtung - zu ihr. Niels folgte mir. Glücklicherweise war sie noch nicht so weit entfernt, sodass ich sie in der Menschenmenge entdecken konnte.
»Warte mal!«, rief ich ihr zu, während ich sie einholte.
»Oh mein Gott!«, reagierte sie überrascht.
Ich war sehr aufgeregt. Interessanterweise war es eine neue Art der Aufregung. Eine Aufregung, die nichts damit zu tun hatte, dass ich eine junge fremde Frau ansprach, um sie zu fragen, ob wir uns mal kennenlernen könnten. Nein, nein, diese Aufregung bestand, weil ich der festen Überzeugung war, dass vor mir die Frau stand, mit der ich mein Leben verbringen werde.
»Alexander ist mein Name!«, sagte ich freundlich und reichte ihr meine Hand.
»Julia«, entgegnete sie mir mit dem freundlichsten Lächeln des Universums und gab mir ihre Hand, die ich für ein paar Sekunden hielt und mit meinem Daumen unauffällig streichelte. Dabei sah ich in ihre wunderschönen, blauen Augen und merkte, wie sie funkelten.
Wir verließen gemeinsam durch den Hauptausgang die Mensa und lernten uns ein bisschen kennen. Sie stellte mir viele Fragen und alles, was ich antwortete, schien bei ihr freudiges Interesse auszulösen. Als wir an der Fakultät für Bauingenieurwesen ankamen, tauschten wir Handynummern aus und verabschiedeten uns. Hinter Julia saßen zwei Typen, die mich angrinsten. Der eine zeigte mir einen Daumen nach oben. Mein Gespräch mit ihr hatte ihm anscheinend sehr gefallen. So viel Dopamin auf einmal konnte ich nicht verkraften, aber ich versuchte, mich weiterhin normal zu verhalten. Ich war fassungslos bei dem Gedanken, so ein wunderbares Mädchen kennengelernt zu haben, und zwar nach der Vorhersage des Horoskops und nach meiner Bitte an Gott. Eins wurde mir in diesem Moment klar: Es fühlte sich nicht wie ein Zufall an. Es fühlte sich an wie ein echter Eingriff Gottes in mein Leben. Voller Freude holte ich das Kreuz von Gogi aus dem Pullover hervor und küsste es.
In den darauffolgenden Vorlesungen war ich so konzentriert wie noch nie! Schließlich war ich der festen Überzeugung, eines meiner Lebensziele erreicht zu haben. Das gab mir den Ansporn, mein Studium mit neuem Eifer zu verfolgen. Meine Motivation divergierte auf der Zeitachse ins Positive.
Am Ende des Tages, auf dem Weg nach Hause im Zug schrieb ich meine erste WhatsApp-Nachricht an sie. Ihre Freude, die sie durch unzählige Emojis zum Ausdruck brachte, war nicht zu übersehen. Als ich zu Hause ankam, teilte sie mir etwas mit, das mein Glücksgefühl noch weiter verstärkte und kurze Zeit später schrieb mich ihre Mutter an und freute sich, mich bald kennenlernen zu dürfen.
Es ging alles so schnell, dass ich in kürzester Zeit das Gefühl bekam, wir wären bereits in einer Beziehung – füreinander bestimmt – obwohl wir beide noch nie in einer Beziehung waren.
An einem Montag trafen wir uns am Hauptbahnhof und machten uns gemeinsam auf den Weg zur Uni. Wir redeten über unterschiedlichste Dinge und keiner von uns schaute ein einziges Mal auf das Handy. Das hatte ich davor ehrlich gesagt noch nicht erlebt; das wiederum zeugte von einer Menge Respekt und Interesse. In der S-Bahn, kurz vor dem Aussteigen, berührte ich leicht ihre Hand, mit der sie sich an einem der Sitze festhielt, und verließ die S-Bahn, ließ sie weiterfahren.
Nach der zweistündigen Vorlesung war ich auf dem Weg zur Bibliothek, um eine Hausübung zu bearbeiten, die ich bis zwölf Uhr abgeben musste. Aber – wohl durch scheinbaren Zufall – sah ich Julia mir entgegenkommen. Sofort war die Hausübung vergessen. Ich schlug ihr vor, einen gemeinsamen Spaziergang durch den Park zu machen. Sie war einverstanden, versicherte sich aber, ob ich meine Hausübung dafür wirklich sausen lassen konnte.
»Ich habe alles unter Kontrolle«, entgegnete ich ihr mit einem leicht ironischen Ton und wir machten uns auf den Weg zum Park.
Es war ein wundervoller, warmer und sonniger Tag im Oktober. Sie war ein Mensch, mit dem man über Dinge reden konnte, die nicht alltäglich waren. Wir redeten nicht, nein, wir philosophierten über Gott und die Welt; über die Liebe und über den Tod. Ihre Tiefgründigkeit und Melancholie faszinierten mich sehr. Sie war ein Mensch, von dem ich viel lernen konnte. Ihre Worte waren weise und ihre sanfte Stimme klang wie eine wunderschöne Melodie in meinen Ohren.
Zwischendurch setzten wir uns auf eine Bank, ohne das Gespräch zu unterbrechen. In kurzen Momenten schwiegen wir einfach und genossen die Vegetation und die Sonne, die ihre warmen, Strahlen durch die Blätter der Bäume auf uns warf. Ich fragte Julia, ob sie mir ihre Hand geben könne. Ohne zu zögern, legte sie ihre Hand in meine, die ich anschließend mit meiner zweiten Hand fest umfasste und meinen Blick in Richtung der Sonne richtete. Meine eiskalten Hände spürten nach einer langen Zeit wieder Wärme. Am liebsten hätte ich diesen Moment für immer eingefroren. Doch die gemeinsamen Stunden vergingen wie im Flug – und sie musste gehen.
Mit meinem emotionalen und direkten sexuellen Verlangen nach ihr vertrieb ich sie für immer. Sie wollte nichts mehr von mir hören und blockierte auch meine Handynummer.
Es lagen Wochen der Traurigkeit und des Liebeskummers vor mir. Ich wollte Julia zurückgewinnen. Da ich aber ihr nicht mehr schreiben konnte, fragte ich ihre Mutter, ob sie mir irgendwie helfen würde. Sie tröstete mich kurz und sagte, dass Julia jetzt einen neuen Freund hatte. Der Liebeskummer würde schon vergehen, versicherte sie mir.
Im Oktober 2014 habe ich endlich die Zahnspange rausbekommen.
Meine Zähne nach der Behandlung mit Zahnspange (22. Oktober 2010)
November 2014. Julias Mutter hatte Recht. Als ich mich endlich von den ständigen Gedanken an Julia befreite, gewann ich wieder an Lebensfreude. Auch die Introvertiertheit ließ mit dem Liebeskummer nach. Ich fühlte mich bereit, aufs Neue nach meiner Liebe zu suchen.
Unterwegs zur Uni sah ich mich ständig um, in der Hoffnung, irgendwo eine potentielle Seelenverwandte zu entdecken. Schon der verzaubernde Blick irgendeiner gutaussehenden Passantin brachte mich dazu, sie anzusprechen und zu fragen, ob wir uns kennenlernen könnten. Auf diese Weise ergatterte ich zwar einige Handynummern, doch meistens vergaß ich den neuen Kontakt nach einigen Wochen, weil ich feststellte, dass die Bekanntschaft kein besonderes Interesse an mir aufwies. Es war demotivierend, immer der Einzige zu sein, der sich bemühte; sie anschrieb oder auf einen Spaziergang einlud. Ich war überzeugt, dass sie sich, wenn sie meine Seelenverwandte wäre, mindestens genauso sehr um eine Beziehung zu mir bemühen würde. Also verwarf ich die meisten Kontakte bereits nach kurzer Zeit und suchte weiter.
Nach einem anstrengenden Tag in der Uni und mehreren Körben setzte ich mich eines Tages auf eine Bank in der Stadt und starrte durch die vorbeilaufenden Passanten hindurch in die Unendlichkeit. In Gedanken fragte ich Gott verzweifelt: »Was mache ich falsch? Warum ist es so schwer, meine Liebe zu finden? Warum bist du nicht da, wenn ich dich brauche?«
Nach einiger Zeit realisierte ich, dass ich vergeblich auf eine Antwort wartete. Also stand ich auf und ging mit einem ermüdeten, niemanden beachtenden Blick zum Bahnhof.
Der Zug nach Hause stand schon am Gleis. Er war relativ voll, also ging ich ein Stückchen weiter entlang der Wagons, bis ich einen freien Platz auf einem Vierersitz entdeckte. Vor mir saßen zwei Frauen, beide wahrscheinlich so um die dreißig oder vierzig. Links neben mir saß eine junge Frau, ungefähr in meinem Alter, mit schulterlangem, blondem Haar. Auf ihrem Schoß lag ein kleines Heftchen und in der rechten Hand hielt sie einen kurzen Bleistift.
Während alle Leute um mich herum auf ihre Handys starrten, schaute sie aus dem Fenster. Dann in ihr Heftchen. Dann nochmal aus dem Fenster und dann wieder nach unten. Als der Zug endlich losfuhr, fing sie an, etwas zu zeichnen. Ich senkte ganz unauffällig meinen Blick auf ihr Heftchen und erkannte, wie sie die Perspektive eines Menschen zeichnete, der gerade aus dem Zugfenster blickte. Sie unterschied sich so stark von allen anderen im Zug, dass ich mich unwillkürlich zu ihr hingezogen fühlte. Während ich sie beim Zeichnen beobachtete, stellte ich mir vor, wie ich mit meiner Hand ihre sanft berührte.
Ich wollte sie unbedingt ansprechen, bevor sie aussteigen würde. Aber ich traute mich nicht, weil vor uns so nah zwei andere Menschen saßen. In dieser Situation hatte ich noch nie eine Frau angesprochen. Mir wurde heiß und mein Herz fing an, schneller zu schlagen. Die Zeit drängte, während ich fieberhaft nach den richtigen Worten suchte. Bei jedem Halt des Zugs dachte ich mir nur: »Bitte, steig noch nicht aus, gib mir noch ein bisschen Zeit«. Es lagen nicht mehr viele Stationen vor uns und die Wahrscheinlichkeit, dass sie vor mir ausstieg, wurde immer größer.
»Du kannst echt gut zeichnen!«, überwand ich die Angst schließlich. Wohl gleichzeitig wandten wir uns von der Zeichnung ab und sahen uns zum ersten Mal an. Nach einem kurzen Blick in ihre graublauen Augen, verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln.
»Danke«, entgegnete sie freundlich und kritzelte mit ihrem Bleistift weiter.
Mein Herz beruhigte sich ein bisschen.
»Man trifft selten Menschen im Zug, die etwas anderes machen, als aufs Handy zu starren.«, fuhr ich fort, um das Gespräch aufrechtzuerhalten, während ich aus dem Augenwinkel sah, wie eine der Frauen gegenüber, den Kopf hob.
»Ich zeichne öfter während der Zugfahrt«, erwiderte sie, »Ich liebe Kunst! Und was magst du so?«
»Ich mag Physik«, antwortete ich etwas zögerlich. Das Gespräch kam endlich in Fahrt. Als ich sie schließlich fragte, ob wir in Kontakt bleiben könnten und um ihre Handynummer bat, antwortete sie mir, dass sie ihr Handy nicht dabeihatte und die Nummer nicht auswendig kannte. Stattdessen riss sie kurz vor dem Aussteigen etwas unordentlich ein Blatt aus ihrem Heftchen heraus und schrieb ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse darauf. Dieses Blatt bewahre ich heute noch zwischen den Seiten eines alten Buches von Dale Carnegie auf, das mir Dima vor Jahren geschenkt hatte. So lernte ich die wundersame Janina kennen.
Am selben Tag am Abend fuhr ich mit dem gleichen Zug, in dem wir uns kennengelernt hatten, zu ihr in die benachbarte kleine Stadt. Wir hatten uns per E-Mail verabredet. Nach dem Aussteigen wartete ich einige Minuten auf sie. Für kurze Zeit dachte ich, dass sie gar nicht kommen würde. Aber sie kam. Wir machten einen nächtlichen Spaziergang durch die Stadt, der an einer Bank am Kanal endete. Während wir dort saßen, löcherten wir uns gegenseitig mit den verschiedensten Fragen. Im Laufe des Gesprächs sank meine Hemmung, während Väterchen Frost uns mit seiner Kälte dazu zwang, näher zusammenzurücken. Janina legte sogar ihre Beine über meine und ich legte meine Hand um ihre Schultern. Normalerweise wäre ich in der Kälte längst erfroren, doch Janinas Gegenwart und die damit einhergehende Aufregung hielten mich am Leben.
Als es schließlich Zeit war, mit den letzten Zug nach Mitternacht nach Hause zu fahren, warteten wir im orangefarbenen Schein einer Laterne, nah beieinander. Unsere Blicke umwanden sich, während Janina sich näher zu mir beugte. So nah, dass ich ihren Atem auf meinem Kinn spüren konnte. Sie küsste mich direkt auf die Lippen, nur kurz. Ein paar Sekunden später küsste sie mich nochmal. Ich küsste sie zurück – diesmal länger. Ihre funkelnden Augen wandten sich keine Sekunde lang von mir. Es fühlte sich so an, als würde sie direkt in meine Seele hineinblicken. Erst der einfahrende Zug unterbrach unsere Küsse.
Im Zug dachte ich darüber nach, wie außergewöhnlich es war, dass Janina die Initiative ergriffen hatte. Zum ersten Mal spürte ich echte Zuneigung einer Frau, in die ich verknallt war.
Am nächsten Tag kam sie mich in Borsum besuchen und blieb über Nacht. Nach einem langen Tag voller Uni und Arbeit fuhren wir zusammen zu mir. Es war bereits neun Uhr abends, als wir ankamen. Sie lernte meine Mutter und meine Halbschwester kennen. Schwester war an diesem Tag nicht da. Wahrscheinlich war sie bei ihrem neuen Freund, Tobias.
Wie es bei meiner Mutter üblich war, kümmerte sie sich vollständig um uns. Sie brachte Obst und Essen in mein Zimmer, wie sie es immer tat, wenn ich neue Bekanntschaften zu Besuch hatte. Nach dem Essen lag Janina erschöpft in meinem Einzelbett und erzählte mir von ihrem anstrengenden Tag im Bücherladen. Ich saß am Bettrand und hielt ihre Hand. Wir unterhielten uns fast drei Stunden lang, bis der Blick auf die Uhr uns dazu brachte, das Gespräch zu beenden.
Es war ruhig in der Wohnung - wahrscheinlich schliefen alle schon. Wir schauten uns tief in die Augen, und ohne zu zögern, kam ich ihr näher und küsste sie auf die Lippen. Anfangs waren ihre Lippen etwas trocken, aber das änderte sich schnell, als ich mit meiner Zunge zuerst ihre Oberlippe und dann die Unterlippe berührte. Die nun befeuchteten Lippen machten das Küssen angenehmer. Während sich unsere Zungenspitzen berührten, öffnete ich ohne hinzusehen mit einer Hand ihren Jeansknopf. Als ich mich dem Reißverschluss zuwandte, unterbrach ich unseren Kuss und betrachtete das mit Blumen verzierte Höschen, das zum Vorschein kam.
[An dieser Stelle kommt deine Fantasie ins Spiel.]
Wir sahen uns die nächsten Wochen beinahe jeden Tag. Jeden Morgen am Hauptbahnhof wartete sie am unteren Ende der Treppe, die vom Gleis zum Bahnhof führte. Jedes Mal, wenn ich die Treppe hinunterging, spürte ich ein Kribbeln im Bauch und ein breites Grinsen entfaltete sich auf meinem Gesicht. Selbst graue Tage gewannen an Farbe, sobald ich sie sah. Unten angekommen, begrüßte sie mich mit einer festen Umarmung und einem liebevollen Kuss, bevor wir uns gemeinsam auf den Weg in den Alltag machten. Ich reiste weiter mit der Straßenbahn zur Uni und sie zu einer Buchhandlung, wo sie zwischenzeitlich arbeitete. Sie schenkte mir nach jeder Begrüßung am Bahnhof so viel Motivation, dass ich sogar in den Vorlesungen ununterbrochen aufpassen konnte.
Schon bald lud sie mich zu sich nach Hause ein. So wie meine Eltern, waren auch ihre Eltern geschieden. Im Gegensatz zu mir, wohnte sie bei ihrem Vater. Er war nett zu mir. Er machte gerne Musik, vor allem auf dem Klavier. Janina zeigte mir ihr ziemlich chaotisches Zimmer. Es war voller Zeichnungen. Sie holte einen großen Block heraus und zeigte mir die letzten Bilder, die sie gezeichnet hatte. Als ich das mit Bleistift gezeichnete Hannoversche Rathaus entdeckte, war ich sprachlos. Ihr Zeichentalent war kaum übertreffbar. Kein Wunder, dass sie im kommenden Jahr im künstlerischen Bereich studieren wollte.
Dezember 2014. Janina wurde von ihrem Vater nach Borsum gebracht. Als sie in mein Zimmer trat, verspürte ich bereits eine große Lust auf sie. Ohne viele Worte zog ich sie an mich heran und küsste sie leidenschaftlich, während meine Hände fest ihren weichen Po in der Jeans umfassten. Während unsere Zungen ein wildes Spiel miteinander spielten, wanderte meine rechte Hand nach vorne zu ihrem Jeansknopf. Schnell knöpfte ich die Jeans einhändig auf und widmete mich anschließend ihrem Reißverschluss zu. Mein Penis war bereits sehr steif und drückte gegen meine Jogginghose. Der Druck war nicht auszuhalten. Ich führte Janina mit etwas Dominanz zum Bett und schmiss sie auf den Bauch. Während sie ruhig dalag, zog ich rasch ihre Jeans herunter und sah vor mir eine rasierte, nach Lavendel duftende Muschi. Nach diesem verführerischen Anblick zog auch ich, hinter ihr kniend, meine Hose runter. Ich lehnte mich an Janina von hinten an und führte meinen erigierten Penis, der bereits mit einem Kondom versehen war, in ihre feuchte Muschi ein. Ihre Muschi fühlte sich sehr eng an, sodass es schwierig war, länger als eine Minute sie zu ficken. Wie ein Tier, ein Männchen, das gerade ein erobertes Weibchen für die Paarung überzeugt hat, rammelte ich Janina unersättlich von hinten. Beim Herausführen des Penisses wurden ihre Schamlippen mitgezogen. Diese Enge fühlte sich so gut an. Janina versuchte leise zu stöhnen, weil sie wusste, dass wir nicht allein zu Hause waren. Mir war das in dem Moment egal. Mit meinen kraftvollen Stößen glitt Janina immer weiter nach vorne, sodass ihr Oberkörper bereits über den Bettrand hinausragte und sie sich mit ihren Händen am Boden abstützen musste. Sie drückte mit ihren Händen zurück, sodass ihr Unterkörper weiterhin auf dem Bett blieb und ich in den nächsten Sekunden ihre Muschi mit Sperma vollfüllen konnte. Nachdem ich stöhnend gekommen war, legte ich mich für einen kurzen Moment mit meinem Oberkörper auf Janinas nackten Po und genoss den nachklingenden Höhepunkt. Einige Minuten später klopfte es an meiner Tür.
»Janinatschka, dein Vater ist da«, sagte meine Mutter hinter der Tür, ohne reinzugehen. Vielleicht wusste sie, dass wir Sex hatten.
»Alles klar, wir kommen«, rief ich meiner Mutter zu.
Janinas Vater stand bereits mit seinem Auto vor der Haustür. Er brachte Janina und mich zum Hildesheimer Hauptbahnhof und fuhr wieder zu sich nach Hause. Auf dem Weg zum Weihnachtsmark waren wir bereits so hungrig, dass wir uns eine Calzone teilten. Einmal biss ich ab, einmal Janina.
»Ich wünsche mir auch eine Freundin, mit der ich Calzone essen kann«, bemerkte ein Kerl, an dem wir vorbeigingen, scherzhaft.
Janina grinste mich an, während sich ein Glücksgefühl in mir ausbreitete.
Auf dem Weihnachtsmarkt angekommen, drehten wir eine Runde auf dem Riesenrad. Neben uns saß eine Großmutter mit einem kleinen Mädchen.
»Schau mal, sie sind verliebt«, sagte die Oma zu dem Mädchen. Janina und ich sahen uns lächelnd an, während ich ihre Hand drückte. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte ich meine Liebe nun endlich gefunden.
An den Wochenenden verbrachten wir die Zeit gemeinsam, waren irgendwo in Hannover oder Hildesheim unterwegs und am Abend im Kino, wo wir die neusten Filme, darunter auch Interstellar anschauten.
Wenn wir nicht ins Kino gingen, schauten wir uns bei mir zu Hause Filme an, unter anderem meinen Lieblingsfilm »A beautiful mind«, der mir damals von meinem Klassenkameraden David empfohlen wurde. Janina häkelte währenddessen eine Mütze oder Socken.
»A beautiful mind« war einer der Filme, bei denen ich emotional wurde. Ich hatte es fast bis zum Ende geschafft, ohne zu Heulen, doch bei der letzten Szene, in der John Nash seine Nobelpreisrede hält und am Ende sagt »Ich bin heute Abend nur deinetwegen hier, du bist der Grund weshalb ich bin, du bist mein einziger Grund«, musste ich doch ein paar Tränen verdrücken. Es war aber anscheinend gar nicht schlimm für Janina, denn als sie es bemerkte, legte sie ihre Häkelsachen ab, kuschelte sich an mich und küsste mich auf die Schläfe. Das befreite mich von der Angst, in ihrer Gegenwart Emotionen zu zeigen.
Vor dem Schlafengehen las sie mir aus ihren Büchern vor. Sie las gerne und hatte schon über hundert Romane gelesen. Da ich wenig las, dies aber ändern wollte, brachte mir Janina zwei Romane von zu Hause mit: Foucaultsches Pendel von Umberto Eco und Tintenherz. Irgendwie kam ich aber nie dazu, sie zu lesen. Das Foucault-Pendel war für meinen Geschmack etwas zu kompliziert geschrieben, weshalb ich nach einem Viertel des Buchs nicht mehr weiterlas. Der Roman inspirierte mich aber dazu, ein Physikvideo zu machen, in dem ich das Foucaultsche Pendel erklärte.
Als die Mütze, die Janina die ganze Zeit gehäkelt hatte, am Tag vor Weihnachten endlich fertig wurde, setzte Janina sie mir auf.
»Damit Deine Öhrchen immer warm bleiben!«, sagte sie liebevoll.
Ich war einfach nur überwältigt von Janinas Art. So viel Liebe hatte ich bisher von keinem Mädchen bekommen.
Weihnachten verbrachten wir getrennt, sie bei ihrer Familie und ich zuhause. Meine Mutter arbeitete, und Halbschwester und Schwester waren bei Joachim. Ich wollte nicht mit zu Joachim - stattdessen verbrachte ich die Weihnachtstage allein, tüftelte an meiner Website herum und schrieb im Schein der blinkenden Lichterketten Tagebucheinträge über die Zeit mit Janina.
Am Tag vor Silvester gingen wir zusammen ins Kino, um »Die Entdeckung der Unendlichkeit«, zu schauen, einen Film, der von Stephen und Jane Hawkings Leben handelte.
»Ich will, dass wir zusammen sind, so lange wie es geht«, sagte Jane Hawking, nachdem sie erfuhr, dass Stephen eine Motoneuronenerkrankung hatte. Als sie das sagte, umschloss ich Janinas Hand fester.